Kastration - immer sinnvoll und notwendig?

Uns ging und geht es nie darum Hunde auf Teufel komm raus zu kastrieren, ganz im Gegenteil wir vom Verein raten im „normalen Lebensalltag“ mit Hunden meistens von einer Kastration ab, es sei denn, sie ist medizinisch indiziert.


Pfotennot e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht die Bedingungen für Hunde nachhaltig zu verbessern.

Dies kann uns nicht überall und immer gelingen, wir müssen in der Lage sein durch Evaluation und Qualitätsmanagement den Sinn und den Nutzen unserer Arbeit  immer wieder zu hinterfragen. Dies haben wir auch auf unserer diesjährigen Jahreshauptversammlung im Hinblick auf Kastrationen ganz allgemein getan.

Der große Gedanke hinter allen Kastrationen und Kastrationsprojekten ist der durch „Geburtenkontrolle“ das Leid der Hundepopulation dauerhaft zu mindern. Da wir wissen, dass Kastrationen, insbesondere Frühkastration, auch viele negative Nebenwirkungen haben, fällt es uns nicht leicht. Aber welche Alternativen gibt es? Ist Geburtenkontrolle ohne Kastration möglich?  Theoretisch ja, nämlich dann wenn die Menschen Verantwortung für ihre Tiere übernehmen, denn auch jeder Streuner stammt irgendwie letztendlich von Besitzerhunden ab.  Von Besitzern, die aus verschiedenen Gründen die Verantwortung für Ihre Tiere nicht übernehmen wollen oder können.

Da wir einen sehr engen Kontakt zu unseren Adoptanten pflegen, vermitteln wir keinen Hund an Menschen , von denen wir glauben, dass sie nicht in der Lage sind, Verantwortung für ihr Tier dauerhaft zu übernehmen. Wir möchten nicht, dass unsere Hunde weiteren Nachwuchs erzeugen. Wir möchten aber auch nicht jeden Hund um jeden Preis kastrieren, da wir denken Kastration,  insbesondere Frühkastration, ist ein wesentlicher Eingriff in den Körper der Hunde.

Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschlossen Ihnen als Adoptanten die Entscheidung für oder gegen eine Kastration des nicht kastrierten Hundes individuell zu überlassen - stehen Ihnen aber selbstverständlich beratend zur Seite.

 

 

Rechtliche Beurteilung

Rechtlich ist es so, dass laut § 6 Abs. 5  des Tierschutzgesetzes Geschlechtsorgan- Amputationen nur in bestimmten Fällen  erlaubt sind1,  z.B. zu „Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung“ 2, das heißt in „normalen“ Haushalten ist  auch rechtlich gesehen eine Kastration zumindest aus Fortpflanzungsgründen untersagt denn im Gegensatz zu Streunerhunden und in Tierheimen kann nicht von einer unkontrollierten Fortpflanzung gesprochen werden.

Es muss eine Tierärztliche Indikation vorliegen. Viele Halter äußern in diesem Zusammenhang als Begründung für eine Kastration, dass der Hund wegläuft und “rumstreunert“ um sich fortzupflanzen, oder Halter von Hunden versprechen sich einen besseren Gehorsam oder verminderte Aggression durch die Kastration. Laut dem Gesetz muss aber ein vernünftiger Grund vorliegen, vernünftig sind die Gründe, wenn ein „gewichtiges menschliches Interesse vorliegt, zu dessen Durchsetzung das Wohl der Tiere zurücktreten muss da der Gesetzgeber durch § 1 S. 1 TierSchG allerdings auch das Wohlbefinden des Tieres als schützenswert einstuft, kann nicht jedes übergeordnetes menschliche Interesse gleich eine vernünftige Begründung darstellen.

Vielmehr ist eine Abwägung zwischen dem Schutz des Lebens und Wohlbefindens des Tieres einerseits, sowie der gegenläufigen Belange des Menschen andererseits vorzunehmen (OVG NRW, Urteil vom 10.08.2012 – 20 A 1240/11, juris).

Hierbei ist somit immer zu fragen, ob die Zufügung von Schmerzen, Leiden oder Schäden beim Tier erforderlich, verhältnismäßig und ohne andere Möglichkeiten ist (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG: Kommentar, 2. Auflage, München 2007, § 6 Rn. 20)“.3

Des weiteren erlaubt der Gesetzgeber Kastrationen bei medizinischer Indikation.

„Ein solcher Grund ist gegeben, wenn bestimmte tierärztliche Maßnahmen sinnvoll erscheinen, um Leiden, Schaden oder Schmerzen von Tieren abzuwenden 4(so: Hartung, in: Hans-Georg Kluge (Hrsg.), TierSchG, Kommentar, Stuttgart 2002, § 6 Rn 3)“5

 

 

Wenn auch Studien zu dem Thema rar sind, so nährt sich der Verdacht durch einzelne Studien, dass die Kastrationsfolgen bei Rüden und Hündinnen doch viel gravierender sind als zunächst angenommen.

 

Vorteile Kastration

  • „Keine Läufigkeit mehr (keine Blutung, keine ungewollte Fortpflanzung)6
  • Je nach Zeitpunkt der Kastration so gut wie vollständige Verhinderung von Mammatumoren (Brustkrebs)7
  • Definitive Vermeidung von Eierstock-Tumoren und der Gebärmutter-Vereiterung (Pyometra)“8
  • Bei Rüden

 

Mit Einschränkungen

  • „Stabilisierung der Psyche durch Vermeidung starker hormoneller Schwankungen im Rahmen der Läufigkeit allerdings mit der Einschränkung, dass bei manchen Hündinnen nach der Kastration ein gewisser Testosteron-Überhang entsteht, was die Hündin insgesamt männlich-grimmiger machen kann.“9
  • Reduzierung des Stresslevel bei Rüden durch läufige Hündinnen (wobei läufige Hündinnen nicht für jeden unkastrierten Rüden Stress bedeuten, zudem gibt es Rüden, die auch nach der Kastration an Hündinnen interessiert bleiben).10
  • Abnahme von  hormonbedingtem Aggressionsverhalten zunächst muss betont werden, den dominanten oder aggressiven Hund gibt es nicht! Aggressionsverhalten  und dominantes Verhalten ist von vielen Faktoren und auch unterschiedlichen Hormonen abhängig, es muss also ganz gezielt geschaut werden, welche Hormone, welches Verhalten beeinflussen. Eine Kastration macht in dem Fall nur dann Sinn wenn es sich auch um Sexualhormone handelt, die dieses Verhalten beeinflussen bzw. hervorrufen. .„Ein erhöhter Testosteronspiegel11 ist gekoppelt mit verstärktem Wettbewerbsverhalten, erhöhtem Balzverhalten und verstärktem Revier - und Markierverhalten.“12

 

Kastration als Tumorprophylaxe

Wenn man ein Organ entnimmt, dann kann dieses keinen Krebs mehr entwickeln, jedoch ist bei vielen Krebserkrankungen das Risiko extrem gering. So liegt die Wahrscheinlichkeit beim Eierstockkrebs  bei 0,4 %. 13

Bei einem relativen Risiko  von 100% an Mammatumoren zu erkranken kann das Risiko vom Mammatumor auf 8% reduziert werden, wenn die Kastration vor der ersten Läufigkeit stattfindet.14 Findet die Kastration nach der zweiten Läufigkeit statt, kann man  das Risiko für Mammatumore nicht reduzieren.15

 

Nachteile Kastration (mit Einschränkungen)

erhöhtes Risiko für:

  • Haarnträufeln, Inkontinenz
  • Gewichtszunahme, „wenn die Fütterung nicht an den reduzierten Kalorienbedarf nach einer Kastration angepasst wird“.16
  • Fellveränderungen, sogenanntes Babyfell vor allem bei Langhaarigen Hunden
  • Anfälligkeit für Skeletterkrankungen: Durch den Mangel des Sexualhormons Testosteron werden beim Rüden die Muskeln schwächer ausgebildet. Infolgedessen wird das Bindegewebe stärker beansprucht, was die Anfälligkeit für Erkrankungen des Bewegungsapparates erhöhen kann. Bei Hündinnen kann es (auch bei Kastration nach der Pubertät) zu Mineralstoffwechselstörungen bis hin zu Knochenveränderungen kommen. Einer Studie zufolge erkranken kastrierte Hunde beiderlei Geschlechts häufiger an Knochenkrebs als unkastrierte, wobei das Erkrankungsrisiko aber sehr gering ist.17
  • Bei unsicheren ängstlichen Hunden, die angstaggressiv reagieren kann sich das Verhalten durch die Kastration noch verstärken.18  Insbesondere bei Frühkastrationen von ängstlichen, unsicheren Hunden ist zu beobachten, dass diese Ängstlichkeit nach der Kastration noch zunimmt, insbesondere zeigen Hündinnen häufig bei jeder Läufigkeit ein zunehmendes selbstbewusstes Verhalten.
  • Wachstumsstörungen oder -verzögerungen durch Frühkastration: Durch den Hormonschub in der Pubertät wird das Längenwachstum der langen Röhrenknochen abgeschlossen. Befinden sich die entsprechenden Hormone in einem frühen Entwicklungsstadium in zu geringer Menge im Stoffwechsel, kann es, je nach Rasse, zu Größenwachstum oder Kümmerwachstum kommen.19

Diskutiert wird eine neue Erkenntnis der Uni Gießen, die davon ausgeht, dass Jagdverhalten und Beutemachen durch das verminderte Testosteron kastrierter Rüden zunimmt.20

Gansloßer und Strodtbeck21 gehen nach bisherigen Kenntnissen davon aus, dass Risiko bei kastrierten Hunden in Bezug auf  folgende Erkrankungen ansteigt:

  • Milztumore
  • Prostata, Blasen- oder Knochenkrebs zu bekommen
  • Demenz
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • HD, Kreuzbandrisse etc. da Sexualhormone Bindegewebe und Muskulatur stärken.

Auch wenn wir der Kastration kritisch gegenüber stehen, ist es immer eine Einzelfallentscheidung und kann auch durchaus Sinn machen. Das Argument eine Kastration sei unnatürlich greift da in unseren Augen nicht wirklich! Denn unsere Hunde haben nun mal in der Regel keine Möglichkeit ihre Sexualität auszuleben wie es in freier Natur in der Regel  vorkommt, so dass wir uns da Clarissa von Reinhardt anschließen wollen, die eine Kastration, insbesondere bei leidenden Rüden, aufgrund läufiger Hündinnen für gerechtfertigt hält. Die Folgen können für diese Rüden doch sehr gravierend sein und reichen von Appetitlosigkeit, über Liebeskummer und Depressionen, bis zu Zysten an der Prostata.22 Bei Rüden sollte auch immer, wenn dies möglich ist,  mit dem sogenannten Kastrationschip getestet werden, ob die unerwünschten Verhaltensweisen tatsächlich hormonell bedingt sind, bevor man sich für de endgültigen Schritt zur Kastration entscheidet, dazu empfiehlt  sich immer den professionellen Rat eines Hundetrainers bzw. Verhaltenstierarzt zur Einschätzung hinzuzuziehen.

Für unsere Tierschutzhunde im Tierheim in Jumilla ist eine Kastration häufig nicht zu umgehen, da die Hunde in größeren Gruppen gehalten werden. Wir möchten aber bei allen unkastrierten Hunden, die Entscheidung gemeinsam mit unseren Adoptanten treffen. In diesem Zusammenhang sprechen Sie auch mit ihrem Tierarzt über die Möglichkeiten einer Sterilisation. Die Sterilisation bezeichnet das Durchtrennen der Samen-oder Eileiter. Der Sexualtrieb und Zyklus bleibt vollständig erhalten.23 Auch für unser Pfotennotteam wird das eines unserer nächsten Projekte in Spanien sein. Wir möchten bei den  Streunerhunden24, die Idee von Bloch, Gansloßer usw. aufgreifen, die ranghohen Tiere zu sterilisieren.25 Wir erhoffen uns dadurch intakte Verbandsstrukturen zu erhalten und ein Zuwandern intakter Rüden zu verhindern.

 

Literatur:

  • Susan Beaucamp, Kastration von Hunden zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung zulässig?
  • Udo Gansloßer, Sophie Strodtbeck, Kastration und Verhalten beim Hund, 2011
  • Vorträge von Dr. Udo Gansloßer, Frau Dr. Ute Blaschke-Berthold, Dr. Axel Wehrend,  ATN-Lernmaterial, WDR Servicezeit Tiere, Sendung Tiere suchen ein Zuhause vom 13.12.2009
  • Ralph Rückert, Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel,  16.10.2014
  • Clarissa Reinhardt, Dr. Michael Lehner, Kastration und Sterilisation beim Hund, 2013
  • Stefan Servos, Kastration beim Hund

1. nur bedingt erlaubt vor allem oder - soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen - zur weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres eine Unfruchtbarmachung vorgenommen wird. Wenn die Unfruchtbarmachung erforderlich ist, um eine unkontrollierte Fortpflanzung zu verhindern"

2. Beaucamp Susan,“ jmd. hat etwas unter seiner Kontrolle, sofern er die Herrschaft/Gewalt hierüber ausübt (so: Duden, Stichwort „Kontrolle“). Umgekehrt läuft folglich etwas unkontrolliert ab, sobald sich Ereignisse entwickeln, die niemand kraft seiner zur Verfügung stehenden Herrschaft/Gewalt zu verhindern in der Lage ist“ (Link)

3. Beaucamp Susan, Kastration von Hunden zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung zulässig?

4. Dies ist sehr weitreichend gefasst und umfasst auch den Ausschluss von der Zucht aufgrund eines Erbfehlers. (Metzger, in: Lorz/Metzger (Hrsg.), Tierschutzgesetz, Kommentar, 6. Auflage, München 2008, §6 Rn. 10; )

5. Beaucamp Susan, Die Kastration des Hundes – eine juristische Betrachtung

6. Rückert Ralph,  Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel,  16.10.2014

7. Rückert Ralph,  Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel,  16.10.2014

8. Rückert Ralph,  Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel,  16.10.2014

9. Rückert Ralph,  Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel,  16.10.2014

10. Reinhardt Clarissa,  Dr. Lehner Michael, Kastration und Sterilisation beim Hund, 2013

11. Einfluss auf die Höhe des Testosteronspiegels haben das Verhalten, der soziale Status, das Futter, die Jahreszeit und andere äußere Faktoren. Reinhardt Clarissa,  Dr. Lehner Michael, Kastration und Sterilisation beim Hund, 2013

12. Reinhardt Clarissa,  Dr. Lehner Michael, Kastration und Sterilisation beim Hund, 2013, S.61

13. Prof. Dr. Axel Wehrand, Kastration als Krebsprophylaxe bei Hündinnen

14. „Bei Kastration im Alter unter 2½ Jahren ist das Risiko für die Entwicklung von malignen Tumoren vierfach kleiner als bei unkastrierten Hündinnen, später durchgeführt, verschwindet dieser hemmende Einfluß.“ (Link)

15. Prof. Dr. Axel Wehrand, Kastration als Krebsprophylaxe bei Hündinnen

16. Rückert Ralph,  Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel,  16.10.2014

17. Vorträge von Dr. Udo Gansloßer, Frau Berthold-Blaschke, Dr. Axel Wehrend, ATN-Lernmaterial, WDR Servicezeit Tiere, Sendung Tiere suchen ein Zuhause vom 13.12.2009

18. Vorträge von Dr. Udo Gansloßer, Frau Berthold-Blaschke, Dr. Axel Wehrend, ATN-Lernmaterial, WDR Servicezeit Tiere, Sendung Tiere suchen ein Zuhause vom 13.12.2009 /Reinhardt Clarissa,  Dr. Lehner Michael, Kastration und Sterilisation beim Hund, 2013

19. Udo Gansoßer, Sophie Strodtbeck, Kastration und Verhalten beim Hund, 2011

20. Vorträge von Dr. Udo Gansloßer, Frau Berthold-Blaschke, Dr. Axel Wehrend, ATN-Lernmaterial, WDR Servicezeit Tiere, Sendung Tiere suchen ein Zuhause vom 13.12.2009

21. Kastration beim Hund von Stefan Servos

22. Reinhardt Clarissa,  Dr. Lehner Michael, Kastration und Sterilisation beim Hund, 2013

23. Reinhardt Clarissa,  Dr. Lehner Michael, Kastration und Sterilisation beim Hund, 2013

24. „wilde“ Streunerhunde die im Rudelverbund auftreten, gibt es auf Jumillas Strassen nicht mehr, es handelt sich dabei in der Regel um freilaufende Besitzerhunde.

25. „Es muss im Tierschutz noch einiges passieren, aber was wir sagen können, aus den Studien heraus, und wir haben ja im Laufe der Jahre Kontakt zu vielen Ländern gepflegt u.a. Portugal. Am besten war für die Hunde oftmals, und das werde ich gleich noch unterscheiden, wenn sie vor Ort belassen wurden, Futterstellen eingerichtet wurden und man dann, wenn Sozialstrukturen da waren (ranghoch-rangtief) nicht kastriert sondern sterilisiert hat. Das hatte zwei Vorteile, erstmal veränderte die Sterilisation der Ranghohen Tiere keine Sozialstruktur, die bleibt. Die Rangniederen werden an der Reproduktion gehindert. Und zweitens, wenn man die Tiere wegnimmt, und das war sehr oft der Fall, entsteht ein Vakuum, eine freie Fläche, die sofort neu besetzt wird. Also wenn man die Ranghohen nicht entfernt, sondern an Ort und Stelle füttert ist das manchmal, und dies ist nicht pauschal zu sehen, der richtige Weg. Und die Hunde dann in Ruhe lassen. Das wurde vor 3-4 Jahren beispielsweise in der Türkei gemacht, und das hat sehr gute Erfolge gebracht.“ Bloch Günther, Interview Pfotenhilfe Europa